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Archivarbeit mit Einschränkungen

Nach Deckeneinsturz im Weißenfelser Stadtarchiv ist ein Großteil der Dokumente nicht nutzbar – Hilfesuchende müssen vertröstet werden

Ein aufreibendes Jahr liegt hinter den drei Mitarbeiterinnen des Weißenfelser Stadtarchivs. Am 1. Mai 2018 löste sich in einem Magazinraum der komplette Deckenputz und begrab den historischen Aktenbestand mit mehr als 20.000 Einzelakten unter sich. Bis heute sind die Dokumente nicht nutzbar. Um nicht weiter einzustauben, schlummern sie unter einer großen Plastikplane. Viele Personen mit Anfragen musste Archivleiterin Silke Künzel deshalb vertrösten. Lediglich 196 Personen recherchierten im Jahr 2018 vor Ort. Im Vorjahr waren es noch 317 Personen. Die Zahl der schriftlichen Anfragen blieb mit 265 Ersuchen auf dem Vorjahresniveau, aber auch hier musste Silke Künzel viele Absagen erteilen. Sie und ihre Kolleginnen haben sich mittlerweile so gut wie möglich in ihrem Ausweichquartier im Fürstenhaus (Leipziger Straße 9) eingerichtet. Einige Bücher aus der Handbibliothek stehen in den Regalen. Für Besucherinnen und Besucher gibt es vor Ort Rechercheplätze. Die Nutzung des Archivbestandes ist jedoch weiterhin nur eingeschränkt und lediglich nach Voranmeldung möglich (Telefonnummer 03443/370221 oder 03443/370223 sowie E-Mail an stadtarchiv@weissenfels.de). Auf Anfrage holen die Mitarbeiterinnen Chroniken, Bücher aus der Archivbibliothek oder Geburten-, Heirats- und Sterberegister vom Schlossberg ins Fürstenhaus. Auch auf einen kleinen Teil der Zeitungsbände können sie noch zugreifen.

Bei den schriftlichen Anfragen setzt sich der Trend zur Ahnenforschung fort. „Die entlegenste Anfrage erreichte uns aus Australien. Dort recherchierte ein Mann zur barocken Oper und interessierte sich in diesem Zusammenhang für Sänger am Hofe der Weißenfelser Herzöge“, erzählt Silke Künzel. Thema im Stadtarchiv Weißenfels sei auch im Jahr 2018 wiederholt die Industriegeschichte der Region gewesen. „Wir haben beispielsweise einem Team vom Mitteldeutschen Rundfunk bei der Recherche geholfen“, sagt die Archivleiterin. Entstanden ist der Film „Von Mokassin bis Salamander – die Schuhproduktion in Weißenfels“, der am 8. April 2018 im Rahmen einer Preview im Kulturhaus und am 10. April 2018 im Fernsehen gezeigt wurde.

Bei ihren Nachforschungen stößt Silke Künzel übrigens regelmäßig auf Verblüffendes. Das blieb trotz der eingeschränkten Recherchemöglichkeiten auch im Jahr 2018 nicht aus. So hat sie aufgrund einer schriftlichen Anfrage herausgefunden, dass Weißenfels auf der ganzen Welt wohl die einzige Stadt ist, in der es eine Arvid-von-Harnack-Straße gibt (siehe „Hintergrund Harnackstraße“). Arvid Harnack wurde nie in den Adelsstand erhoben. „Das ‚von‘ im Straßenname ist historisch nicht korrekt“, erklärt die Archivleiterin. Durch diesen Umstand ist die Straße für Weißenfels aber auch ein Alleinstellungsmerkmal. Kurioser Weise weist Google für die Stadt Saalfeld ebenfalls eine Arvid-von-Harnack-Straße aus. In den Grundbüchern ist offiziell jedoch eine Arvid-Harnack-Straße vermerkt.

Mit den eingeschränkten Recherchemöglichkeiten müssen Silke Künzel und ihre Kolleginnen wohl noch bis Mai 2019 Vorlieb nehmen. Bis dahin wird das Stadtarchiv saniert. Die maroden Hölzer der Deckenkonstruktion im Magazinraum wurden bereits ausgetauscht und die Decke wieder verschlossen. Die Decken in den anderen Räumen sollen mithilfe von Verbohlungen gesichert werden. Dabei handelt es sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme. Die Decken sind nicht einsturzgefährdet. Zu dem Deckeneinsturz im Magazinraum kam es schließlich aufgrund von Durchfeuchtung. Da in den anderen Räumen aber ein ähnlicher Deckenaufbau vorliegt, hat man sich für diese Sicherheitsmaßnahme entschlossen. Im Stadtarchiv muss darüber hinaus die Sanitäranlage erneuert werden. Die Sanierung finanziert die Stadt Weißenfels komplett aus Eigenmitteln. Die Kosten liegen etwa bei 50.000 Euro.

Hintergrund Harnackstraße:

Die Delegierten der KPD haben im Jahr 1945 vorgeschlagen, einige Straßennamen zu ändern. Auf Vorschlag des Antifablocks wurde unter anderem die Scharnhorststraße in die Ernst-von-Harnack-Straße umbenannt. Der Vater von Ernst von Harnack wurde 1914 in den Adelsstand gehoben. Ernst von Harnack selbst war von 1929 bis 1932 Regierungspräsident im Regierungsbezirk Merseburg, zu dem auch Weißenfels zählte. Wegen des Aufstands am 20. Juli 1944 wurde der studierte Jurist vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 5. März 1945 in Berlin Plötzensee hingerichtet.

Warum nun aber die spätere Umbenennung der Straße? Ernst von Harnacks politische Einstellung war christlich und SPD-orientiert. Einen Beschluss zur Straßenumbenennung, die vermutlich zwischen 1949 und 1953 erfolgte, gibt es nicht. Die Änderung erfolgte nach Aussagen älterer Einwohner fast stillschweigend und ohne Bekanntmachung. Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass politische Entscheider dem Kommunisten und KPD-Mitglied Arvid Harnack den Vorzug gegenüber dem religiösen Sozialisten gegeben haben. Arvid Harnack unterhielt ab 1935 Kontakte zum sowjetischen Geheimdienst und ab 1936 zur US-amerikanischen Botschaft. Zur Tarnung wurde er 1937 Mitglied der NSDAP. Er hielt außerdem Kontakt zur Widerstandsbewegung „Rote Kapelle“. Im Jahr 1942 wurde er verhaftet und in Plötzensee hingerichtet.

Bei der Umbenennung der Harnackstraße in Weißenfels wurde nur der Vorname ausgetauscht. Hier unterlief den Verantwortlichen ein Fehler, da zu Ernst von Harnack nur eine ferne Verwandtschaft bestand und Arvid Harnack folglich nie in den Adelsstand erhoben wurde.

 

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